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Mindestmengenregelung für Frühgeburten (Perinatalzentren)

Kommentar von Michael Krause 

Gewiss haben viele Bürger die Berichterstattung im „Südkurier“ verfolgt. Leider zeigen die Berichte nicht die ganze Tragweite durch die Veränderung der Mindestmengenregelung bei Frühgeburten.

Das Ziel der Krankenkassen ist klar: Es soll wirtschaftlicher gearbeitet werden. Für ein Industrieunternehmen mag das nachvollziehbar sein: Unternehmer müssen versuchen, Ausgaben zu reduzieren, beispielsweise durch Zusammenlegung von Arbeitschritten, die bisher an mehreren Ort gleichermaßen ausgeführt werden. So schlagen es auch die Krankenkassen vor.

Dabei wird ein wesentlicher Unterschied übersehen: Das Gesundheitssystem hat mit Menschen zu tun, von denen keiner plant zu erkranken und medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eben dies ist auch hier das Problem. Gerade Frühgeburten sind selbstverständlich nicht beabsichtigt. Oftmals fällt die Entscheidung innerhalb weniger Minuten, und die Mitarbeiter im Krankenhaus tragen dabei eine schwere Verantwortung. Sie müssen im Zweifelsfall über Leben und Tod für Mutter und Kind entscheiden.

Sollte durch die Veränderung bei der Mindestmengenregelung (Kinder unter 1.250 Gramm) den Krankenhäusern qualifiziertes Personal verloren gehen, so besteht die Gefahr, dass wir in Zukunft einige Leben verlieren  – zum Leid der Mütter und Väter, die nicht mehr das Glück haben, entsprechend geschultes Personal vorzufinden.

Aber warum wendet sich dieser Personenkreis dann nicht an besser aufgestellte Krankenhäuser? Nach den Plänen wird es in Zukunft nur noch Perinatalzentren geben an Orten mit mindestens 30 Frühgeburtsfällen pro Jahr – was diese Zentren auf einige wenige Orte im gesamten Bundesland konzentriert. Gerade in Großstädten wie Stuttgart und Freiburg werden solche Einrichtungen fortbestehen. Die Fälle aus dem Umland werden dort dafür sorgen, dass in größeren Städten die Fallzahlen steigen – also um jene 25, die etwa in Singen dann nicht mehr behandelt werden können.

WIRKLICH? Nein, denn stellen Sie sich die Situation einmal vor: Ihre Frau bekommt Schmerzen, Sie gehen ins Krankenhaus nach Singen. Der Arzt stellt Unregelmäßigkeiten bei Ihrem Kind fest. Normalerweise würden die Ärzte jetzt eingreifen! Aber ob Sie das Kind dann noch retten könnten, ist fraglich. Und der Antritt einer längeren Fahrt zu einer der verbleibenden Perinatalzentren wäre sowohl für das Kind wie dann auch für die Mutter lebensgefährlich, könnte der Transport doch bis zu einer Stunde dauern.

Aber selbst wenn alles gut geht, wenn das Kind in einer der Perinatalzentren, z.B. in Freiburg, betreut wird, gibt es da noch die Eltern, für die eine solche Geburt eine große Belastung darstellt. Die Nähe zum Kind hilft oft, den schwierigen Start ins neue Leben gemeinsam zu finden. Wenn die Eltern weite Wege auf sich nehmen müssen, kann ich mir nicht vorstellen das dies die Bindung stärkt.

Diese Planung zeigt neuerlich, dass Wirtschaftlichkeit wichtiger ist als eine flächendeckende, bedarfsgerechte medizinische Versorgung. Wir bedanken uns beim Chefarzt der Singener Kinderklinik, PD Dr. Andreas Trotter, für seinen Einsatz und hoffen, dass er mit seiner Klage Erfolg hat.

18.11.2010