Presseerklärungen

Prozentuale Gehaltserhöhungen sind unsozial

Seit jeher verhandeln die Gewerkschaften um prozentuale Gehaltserhöhungen für alle Gehaltsklassen. Dies mag zwar noch vor einigen Jahrzehnten angesichts einer geringen Zahl von Gehaltsklassen eine einfache und halbwegs soziale Variante gewesen sein, doch gibt es mittlerweile sehr viele unterschiedliche Gehaltsstufen. 

Als Beispiel sei hier der öffentliche Dienst genannt, der durchaus einen Vergleich zu Tarifverhandlungen in der Wirtschaft zulässt. Die unterste Gehaltsstufe entspricht einem Verdienst von etwa 1.500 Euro, die höchste liegt bei rund 6.370 Euro. Dabei unterteilen sich die verschiedenen Gehaltsgruppen in sage und schreibe 88 Gehaltsklassen. 

Bei einer relativen Gehaltserhöhung von 2 Prozent erhalten alle Gehaltsstufen genau diese Erhöhung, und auch der prozentuale Abstand zwischen den Gehaltsstufen bleibt gleich. Dennoch ist eine solche Erhöhung unsozial. Auch der bei den aktuellen Gehaltsverhandlungen durchgeführte Versuch, einen sozialen Baustein in Höhe von mindestens 200 Euro zusätzlich für alle Gehaltsklassen durchzusetzen, kann nur als Tropfen auf dem heißen Stein betrachtet werden.  

Damit möchte ich den ausgehandelten Tarifabschluss keineswegs schlechtreden, denn es ist in heutiger Zeit durchaus schon als Erfolg zu werten, eine solche Gehaltserhöhung überhaupt durchzusetzen. Tatsächlich aber gehen die Gehälter, was die absoluten Zahlen angeht, immer weiter auseinander. Somit werden die unteren Gehaltsstufen immer stärker abgewertet und die oberen im gleichen Maße aufgewertet, ohne dass sich dies in irgendeiner Form auf Arbeitsvolumen und Arbeitsinhalte der Beschäftigten auswirken würde. 

Um dies besser erfassen zu können, müssen wir die Gehaltsentwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg untersuchen. Außerdem bedarf es auch einer sozialen Komponente, um einen Vergleich zwischen Armutsgrenze, Gehaltsentwicklung und Inflation darzustellen. 

Betrachten Sie die Beispiele 1 und 2: Sie unterscheiden sich allein in Bezug auf die Inflationsrate. In Beispiel 1 betragen Inflation und Gehaltssteigerung jeweils 2 Prozent, im zweiten Beispiel liegt die Inflation bei 2,5 Prozent (die Gehaltssteigerung bleibt bei 2 Prozent).  

Als Basis dient die Armutsgrenze für eine Einzelperson. Da es bezüglich dieses Wertes sehr viele unterschiedliche Annahmen gibt, habe ich pauschal einen Wert von 1000 Euro brutto angesetzt. Die Armutsgrenze sollte sich normalerweise in einem ähnlichen Verhältnis wie die Inflation erhöhen. Allerdings liegt die Inflation gerade in den unteren Einkommensbereichen oft höher als offiziell angegeben. Das liegt daran, dass gerade diese Schichten ihre gesamten Einnahmen sofort wieder für den Lebensunterhalt ausgeben müssen. Somit sind diese Menschen besonders stark betroffen, wenn die Preise bestimmter Grundprodukte übermäßig steigen: Benzin, Heizkosten, Strom usw.

Aus Gründen der Vereinfachung setze ich für Armutsgrenze und Inflation eine identische Entwicklung an. Es gibt in den Beispielen zwei Gehaltsstufen unter der Armutsgrenze und drei darüber.

Auswertung Beispiel 1:

Der Abstand der einzelnen Gehaltsstufen zur Armutsgrenze bleibt bei einer Inflationsrate, die der Gehaltsentwicklung entspricht, gleich. Dennoch ist bei den Gehaltsstufen unterhalb der Armutsgrenze eine negative Entwicklung zu verzeichnen. Der reale Abstand (in Euro) wird immer größer. Je weiter die Gehaltstufe von der Armutsgrenze entfernt ist, desto größer wird mit der Zeit auch der reale Abstand zu ihr. Bei den Gehaltsstufen oberhalb der Armutsgrenze verläuft die Entwicklung analog.  

Die unteren Gehaltsstufen entfernen sich also nur langsam von der Armutsgrenze, während sich die oberen Gehaltsstufen überproportional entwickeln. 

Auswertung Beispiel 2:

Übersteigt nun die Inflation den Lohnzuwachs, dann holt die Armutsgrenze langsam auch die höher liegenden Gehaltsgruppen ein. Der reale Abstand der unteren Gehaltsgruppen zur Armutsgrenze nimmt hier wesentlich stärker zu als in Beispiel 1, und auch der prozentuale Abstand zur Armutsgrenze wird immer größer. 

Gleichzeitig kommt die Armutsgrenze den oberen Gehaltsgruppen immer näher. Während hier vor allem hohe Gehaltsstufen profitieren, da sie noch weit von der Armutsgrenze entfernt sind, rutschen die weniger hohen Gehaltsgruppen eine nach der anderen unter die Armutsgrenze. 

Fazit

Für Familien liegt die Armutsgrenze relativ gesehen viel höher, da das Einkommen sich auf mehrere Personen (Kinder, Ehepartner) verteilt. Somit wird sie je nach Familienverhältnissen zwei- bis dreimal so schnell erreicht wie in meinem Beispiel, d. h., viele Gehaltsklassen sinken automatisch unter die Armutsgrenze.  

Auch die Wertigkeit der einzelnen Arbeitsplätze wird dadurch unverhältnismäßig verschoben. Es ist zwar durchaus gerechtfertigt, dass Mitarbeiter mit mehr Verantwortung ein höheres Gehalt beziehen, doch sollte die Differenz zwischen den einzelnen Gehaltsklassen auch dem tatsächlichen Mehrwert entsprechen. Durch die prozentuale Gehaltserhöhung ist zwar der relative Gehaltsabstand gleich geblieben, absolut betrachtet hat er sich aber erhöht. Das bedeutet, dass die Kluft zwischen den Gehaltsklassen immer breiter wird, obwohl sich an der jeweiligen Tätigkeit formal gar nichts ändert. 

Beunruhigend ist dieser Umstand angesichts der Tatsache, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Beschäftigten in den unteren Gehaltsklassen befindet und die Zahl zu den oberen Gehaltsklassen hin immer mehr abnimmt. Während aber der Kampf um Gehaltsverbesserungen in erster Linie von diesen unteren Einkommensgruppen ausgefochten wird, profitieren vor allem die Beschäftigten der oberen Gehaltsstufen, obwohl ihre Zahl deutlich kleiner ist. So bekommt zum Beispiel die unterste Gehaltsklasse infolge des aktuellen Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst gerade einmal 100 Euro brutto mehr, während die oberste Gehaltsklasse mit rund 380 Euro fast das Vierfache zusätzlich erhält. Und bei jeder weiteren Gehaltserhöhung geht die Schere weiter auseinander.  

Diese Form der Gehaltsanpassung spielt auch den Arbeitgebern – also Bund, Ländern und Kommunen – in die Hände, denn weil die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer zu den unteren Gehaltsklassen gehört, sparen die Arbeitgeber bei einer Gehaltserhöhung relativ gesehen viel Geld. Warum also sollten sie etwas an den aktuellen Zuständen ändern? 

Andererseits sollte man gerade von einer Bundesregierung, die doch eine Verantwortung gegenüber ihren Angestellten hat, eigentlich nicht erwarten, dass sie diese nach und nach immer weiter unter die Armutsgrenze drängt. Der Staat sollte vielmehr ein Vorbild für die Wirtschaft sein und zeigen, wie Gehaltserhöhungen sozial verträglich gestaltet werden. Gerade die jetzige Erhöhung in drei Schritten stellt die unteren Gehaltsgruppen im Verhältnis zu den oberen Gehaltsklassen zusätzlich schlechter. Das ist den Verhandlungspartnern in der Regierung durchaus bewusst. Und auch die Gewerkschaften sollten endlich erkennen, dass die bisherige Form der Gehaltsverhandlung nicht dem Interesse der Mehrheit ihrer Mitglieder entspricht.  

Natürlich ist eine soziale und faire Art der Gehaltsverbesserung nicht so einfach zu erzielen wie die bisherige prozentuale Erhöhung. Sie könnte jedoch zumindest sicherstellen, dass die Gehälter nicht immer weiter auseinanderdriften und die unteren Gehaltsgruppen nicht immer stärker unter die Armutsgrenze rutschen.  

Hierfür gäbe es sicherlich verschiedene Möglichkeiten. Eine Variante bestünde darin, sich an der Armutsgrenze zu orientieren. Gehaltserhöhungen werden dann in einem festen Eurobetrag an der Armutsgrenze fest gelegt. Dieser Betrag wird auf alle Gehaltsklassen gleichmäßig verteilt, d. h., in den unteren Gehaltsklassen ist der prozentuale Zuwachs höher, in den oberen geringer. Damit bleiben die absoluten Abstände zwischen den Gehaltsklassen gleich. Da aber bei dieser Vorgehensweise der Abstand zwischen den Gehältern durch Inflation und pauschale Gehaltserhöhung schrumpft, muss zusätzlich ein Quotient gefunden werden, der diesen Wert ausgleicht. Dabei ist natürlich darauf zu achten, dass ein Verhältnis erzielt werden muss, das die Abstände zwischen den Gehaltsklassen nicht wieder explodieren lässt. Dieser Quotient ist jedoch sehr komplex zu ermitteln, da er die unterschiedlichen Gehaltsklassen in ein Wertverhältnis zueinander stellen muss, das sich mit der Zeit verändern kann. Folglich ist der Quotient in den verschiedenen Unternehmen und im öffentlichen Dienst jeweils unterschiedlich. 

Eine Beispielrechnung: Beispiel 3

Durch diese Methode der Gehaltsanpassung wird sichergestellt, dass sich die unterschiedlichen Gehaltsklassen nicht übermäßig voneinander entfernen. Außerdem besteht ein geringeres Risiko für die unteren Gehaltsklassen, noch weiter unter die Armutsgrenze zu fallen. Der Nachteil für die öffentliche Hand ist offensichtlich, denn die Wahrscheinlichkeit entstehender Mehrkosten ist sehr hoch. Allerdings sollte der Staat seinen Beschäftigten ein Gehalt zahlen, von dem sie leben können, statt ihre zu niedrigen Einkommen indirekt über die Sozialsysteme aufzustocken. Dies kommt den Steuerzahler im Endeffekt nämlich teurer.

Könnten sich die Tarifpartner zu einer solchen Form der Gehaltsfindung durchringen, so bestünde ein positiver Nebeneffekt darin, dass auf die Wirtschaft entsprechender Druck ausgeübt würde, auch dort langfristig auf eine sozialere Form der Gehaltsanpassung zu setzen.

Der Staat sollte nicht der Wirtschaft nachrennen, sondern selbst richtungsweisend vorausgehen.